…und dann war Stille

Die nachfolgende Geschichte könnte für sensible Leser ungeeignet sein, also tut euch den Gefallen und schätzt euch selbst ehrlich ein, bevor ihr weiterlesen klickt:

Sie wunderte sich, dass sie den Schuss noch hörte. Die Waffe war direkt auf ihren Kopf gerichtet. Nadine hätte gedacht, sie sei tot, noch bevor sie den Schuss wahrnähme. Dann war nur noch Stille. Sie öffnete die Augen. Einige Meter von ihr stand ein ungefähr 40-jähriger glatzköpfiger Mann, der die Waffe immer noch auf ihren Kopf gerichtet hatte. Nadine sah die Explosion im Lauf der Halbautomatik. Alles war wie auf Pause geschaltet. Die Explosion stand still. Die Gedanken in Nadines Kopf überschlugen sich. Auf einmal bemerkte sie, dass sie aufgestanden war. Sie konnte sich also bewegen. Alles andere blieb regungslos und still. Der Schrecken war den Menschen um sie herum ins Gesicht geschrieben. Die Bankangestellte hatte weit aufgerissene Augen. Nadine ging durch den verglasten Raum. Was würde passieren, wenn sie etwas berührte. Vorsichtig streckte sie einen Finger nach einem Kinderwagen aus. Er war eiskalt und rührte sich kein Stück. Ihr Blick wanderte Richtung Türen, die natürlich geschlossen waren. Nadine versuchte sie aufzustemmen, aber nichts geschah. Sie musste hier raus, bevor was auch immer hier geschah aufhörte. Als Nadine sich umdrehte und zurück in die Schalterhalle ging stockte sie plötzlich. Sie sah sich selbst auf dem Boden knien. Ihre Augen waren geschlossen. Das Handy, welches sie später in dieser Sekunde ihr Leben kosten würde, leuchtete durch den dünnen Stoff ihrer Sommerjacke, die sie nur kurz über geworfen hatte. Dann sah sie etwas anderes. Die Kugel hatte sich bewegt. Inzwischen war sie ein Stück aus dem Lauf heraus katapultiert worden. Die ganze Szenerie stand nicht still, sie war nur extrem langsam und das bedeutete, dass die Kugel früher oder später ein Loch in Nadines Kopf reißen würde. Nicht nur das, es beschleunigte sich. Wenn sie die Augen kurz schloss, konnte sie sehen wie die Explosion sich veränderte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit.

Als sich Nadine vor ihr Pendant kniete um einen Blick auf das Display zu werfen, erkannte sie durch den Stoff hindurch den Namen auf dem Display. “Mama”. Ihre Mutter war schon immer ein Paradebeispiel für schlechtes Timing gewesen. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Mutter genau in dem Moment gewaschene Wäsche hereinbrachte, als sie und ihr Freund sich das erste Mal näher kamen. Damals dachte sie, dass man dieses Timing nicht mehr toppen könne.
Nadines bisheriges Leben war ohnehin ein Paradebeispiel für schlechtes Timing. Als sie an diesem Morgen nur kurz in die Sparkasse sprang, um Geld für die Hotelkaution zu holen, dachte sie die Blicke galten ihr. Es kommt sicherlich nicht häufig vor, dass Frauen im Brautkleid aus dem noch Reis fällt in eine Sparkasse stürmen. Die Blicke galten aber nicht Nadine. Sie galten dem Mann, der hinter ihr in die Bank stürmte. Keine Sekunde später spürte sie etwas kaltes metallisches an ihrem Hinterkopf. “Wenn irgendeiner sich bewegt ist sie tot!” 10 Minuten später kniete sie neben einer jungen Mutter und zwei Rentnern auf dem Boden. Während der Mann zunehmend nervöser wurde, weil das Geld nicht schnell genug in seine Aldi-Tüten wanderte. In diesem Moment klingelte ihr Handy, sie sah den Mann herumwirbeln und seinen Finger auf den Abzug wandern. Nadine schloss die Augen.

So würde es also zu Ende gehen. Die Kugel war inzwischen auf halbem Weg zu ihrem Kopf angelangt, und die Bewegung war schon mit bloßem Auge zu erkennen. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Sie versuchte die Kugel aufzuhalten, obwohl ihr klar war, dass es vergebens sein würde. Genau wie sie versuchte, sich selbst aus der Schusslinie zu ziehen. Nichts half. Die Kugel war nun nur noch einen halben Meter von ihrem Gesicht entfernt. Sie wandte sich zum Fenster, versuchte ihren Mann noch einmal zu sehen, doch der saß in der Limousine mit verdunkelten Scheiben. Als sie sich umdrehte, war die Kugel keine 30 cm mehr von ihrem Gesicht entfernt. Das Gesicht des Schützen zeigte mittlerweile Erschrecken. Es wirkte fast so, als habe er gar nicht abdrücken wollen. Das Letzte was Nadine sah war wie ihr Schleier mit einem Mal rot wurde. Ein kurzer stechender Schmerz, und alles war vorbei.

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2 Responses to …und dann war Stille

  1. Mensch says:

    Ich ziehe mein Hütchen. Großartig!

  2. dragooncomet says:

    Tolle Geschichte, die mich traurig stimmt.

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