Sonntagnachmittag, 18:55 Uhr

(basierend auf wahren Begebenheiten)

*pling*

Im Delirium meiner Post-Pizza-Narkose suche ich den einen der gefühlt 6862 Messenger, der wohl dieses Pling verursacht hat.

„Hey, ich konnte dich gar nicht anschreiben, hier steht, du hast die Freundschaft gelöscht.“

Ich schiebe die Pizza-Narkose beiseite und krame in meinem Gedächtnis nach dem Grund und werde fündig.

Ich: „Moin, ich hatte dir damals auch geschrieben warum.“

Er: „Da stand was, aber warum solltest du mich löschen, nur weil ich mal ein Computerproblem habe.“

Ich: „Dein Mal war in etwa einmal in der Woche. Mitten in der Nacht. Und du brauchtest die Lösung ständig sofort.“

Er: „Aber dafür kann ich doch nichts.“

Ich: „Ich genau so wenig. Du hättest dich sofort darum kümmern können, dass dein Drucker nicht druckt, statt mich 3h vor der Abgabefrist anzuschreiben.“

Er: „Du hattest mir den Computer damals empfohlen, was kann ich dafür wenn der ständig nicht funktioniert. Außerdem sind wir doch Freunde.“

Ich: „Freunde melden sich auch mal, wenn ihr Computer nicht kaputt ist, du antwortest nicht mal auf meine Nachrichten.“

Er: „Ich hab mich doch erst Silvester gemeldet.“

Ich: „Das war vor sechs Monaten und deine Nachricht war >>Frohes Neues, ich hoffe du bist gut reingerutscht. Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen, mein Laptop spinnt schon wieder.<<„

Er: „Siehst du, ich habe mich gemeldet.“

Ich: „…“

Er: „Ist ja auch egal, ich hab keine Zeit für den Quatsch. Ich fahre morgen in den Urlaub und der Computer will die CD für die Fahrt nicht brennen. Du musst mir noch mal zeigen wie das geht.“

Eine Weile starre ich noch auf das Fenster vor mir. Dann schließe ich den Messenger und beginne nach der Arbeitsmarktsituation auf Inseln ohne Computer und Internetanbindung zu googlen.

Zwei Uhr

Als ich zurück ins Wohnheim komme, ist es zwei Uhr. Schon als sie am Nachmittag Bierbänke und Soundanlage aufbauten, kam ich zum Schluss, es sei besser zu fliehen. Eine Freundin nahm mich freundlicherweise auf. Gegen ein Uhr musste sie jedoch schlafen und ich wieder nach Hause. In meiner Abwesenheit wuchs die Party um drei Laser, zwei Nebelmaschinen und eine undefinierbar große Menge von Menschen.

Train – Wie immer, wenn ich nach einer halben Stunde wachliegen zu dem Ergebnis komme, dass ich ohnehin nicht schlafen werde, laufe ich im Gelände umher. Dazu muss ich zunächst einmal durch die Wand aus teilnahmslos tanzenden Menschen, Nebel und Licht. Dann über drei, ins Smartphone tippende, Studenten die Treppe hinauf.  Von der ersten Etage aus habe ich, an eine Wand gelehnt, einen guten Überblick über alles unter mir.


Lila Wolken – Nach fünfzehnn Minuten habe ich die Dynamik dieser Szenerie in etwa erfasst. Die Wiese vor meinem Fenster ist die Chill-Out-Area. Weit genug vom Eingang mit seiner Tanzfläche und der Waschküche, respektive Bar, entfernt und trotz allem nah genug an der Wand der Hochschule, die an diesem Abend als Toilette fungiert.

36 Grad – Ich sitze direkt über der Nebelmaschine. Irgendwie riecht der Nebel komisch und ich werde leicht benommen. Ich gehe noch eine Etage nach oben. Unter mir füllt und leert sich die Tanzfläche periodisch. Immer wieder wechseln  Gruppen zwischen Tanzfläche und Wiese. Andere auch gleich über den Parkplatz in das Gehölz dahinter. Nach einer Weile kommen sie dann wieder und verschmelzen wieder mit den Menschen auf der Tanzfläche.

What is Love – Ein Einzelner taumelt quer über die Wiese und die Tanzfläche. Immer wieder gibt ihm die Menge genug Freiraum, so dass er niemanden anrempeln kann. Als er plötzlich einen Biertisch umwirft und einige Dutzend leere Flaschen über die Wiese – respektive Chill-Out-Area – verteilt, schwindet der Freiraum und eine undurchdringbare Mauer aus eben noch Feiernden treibt ihn in Richtung der S-Bahn-Station.

Everybody – Drei Glatzköpfige stehen abseits der Tanzfläche. Regungslos beobachten sie das Treiben. Aller fünf Minuten wechseln sie ein paar Worte.

The Riddle – Der taumelnde Einzelgänger kehrt zurück. Drei der Leute, die ihn Richtung S-Bahn geleiteten, beobachten ihn aus der Ferne. Als er einen der Biertische davonträgt, schreiten sie ein. Ohne besonderes Zutun der Drei landen Biertisch und Einzelgänger auf dem Boden. Schnell wird der Biertisch zurück- und der Einzelgänger in die stabile Seitenlage gebracht.

Irgendetwas Lautes – Direkt unter mir versucht ein Student seit einer Stunde meine Nachbarin zu überzeugen, dass seine Hände von Natur aus unter ihr Top gehören. Sie ist die einzige, die ich bis zu diesem Punkt noch keinen Alkohol konsumieren sah. Nach intensiver Argumentation kann sie sich doch mit dem Gedanken anfreunden und verhandelt nun ihrerseits die Position ihrer Hände. Zehn Minuten später verschwinden sie gemeinsam in Richtung ihres Zimmers.

Sowas wie Musik? – Die Wiese/Chillout Area leert sich langsam. Die Tanzfläche nicht. Vereinzelt werden Tische und Bänke abgeräumt und weggebracht. Plötzlich fällt die Musik aus. Nach ersten skandierten Morddrohungen gegen den DJ beginnt die Menge „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zu singen. Über den Refrain kommen sie jedoch nie hinaus. Während sich das Textproblem nicht beheben lässt, verschwinden weiter Tische. In der Zeit in der die einen noch singen, beginnen andere Menschen nach ihren Jacken zu suchen. 45 Iterationen “Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht!” später beginnt die Anlage wieder  zu spielen. Im Schein des nahenden Sonnenaufgangs wird die vom Musikausfall ausgelöste Aufbruchstimmung jedoch kaum abgefangen.  Menschen verabschieden sich voneinander. Immer mehr Personen stehen auf der Tanzfläche, statt sich zu bewegen. Die Bewegungen der wenigen Tanzenden werden sparsamer. Jemand trägt eine Couchecke durch die Menge.

Etwas das ein kaputtes Xylophon sein könnte – Die Mengen lichtet sich. Sowohl die der Menschen auf der Tanzfläche, als auch die der Bierflaschen auf der Wiese. Mehrere Studenten fahren mit Ikea-Einkaufswagen umher und sammeln Leergut ein. Die Musik wird für die Suche nach dem Eigentümer eines Samsung Galaxy S5 unterbrochen. Die wenigen, die noch tanzen, bemerken nicht einmal, dass die Musik dafür ausgestellt wurde. Auch Licht- und Nebelmaschinen verschwinden beinahe unbemerkt.

Wer jetzt noch da ist, ist entweder bewusstlos oder räumt leere Flaschen weg. Zwischen diesen Gruppen scheint es jedoch einige Grauzone und Überschneidung zu geben. Irgendjemand fragt mich, ob alles gut sei. Ich nicke nur und tippe meine Beobachtungen weiter auf das Display. Während unter mir aufgeräumt wird, bleibe ich noch eine Weile sitzen und schaue der Sonne dabei zu, wie sie über dem Uni-Gebäuden aufgeht.

Sonnenaufgang über den Gebäuden

Ziellos

Es hat einige Vorteile, in Brandenburg zu wohnen. Insbesondere nachts. Dazu gehört keinesfalls der Umstand, dass man nach sechs hier kaum noch wegkommt und das nächste Fast Food für eine angemessene Hungerattacke um drei Uhr morgens erst ein Bundesland weiter zu bekommen ist.
Was jedoch eindeutig dazu gehört, ist, dass man hier nach 22 Uhr nur noch drei Sorten von Menschen begegnet. Bestattern, Polizisten und anderen Studenten. Und das auch nicht sonderlich häufig und so, dass man sie früh genug hört, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Es ist ruhig hier draußen. Verlässt man das Wohnheim, schlägt sich durch einige Hecken und läuft dann eine Weile durch ein Waldstück, kommt man irgendwann zu einer Straße, die nicht viel heller ist als das Waldstück zuvor. Nach einer weiteren Weile Straße kommt man dann zu einigen Brennnesseln hinter denen Schienen liegen.
Wie so vieles andere hier, waren auch sie mal viel besser in Schuss. Einige der Schienenstränge bestehen nur noch aus ihren Schwellen, auf die man treten kann, um weiter zu kommen. Wenn man nicht weiter kommen will, kann man sich auf sie setzen und könnte vorbeifahrende Züge beobachten. Sofern um diese Uhrzeit Züge fahren würden. So sitzt man da und schaut die Schneise entlang Richtung Horizont. Im Blick nach links sieht man Sterne. Mehr Sterne, als man das durch die Stadt, in der man aufwuchs, gewohnt sein kann. Der Horizont am gegenüberliegenden Ende der Schneise ist gelb erleuchtet von den Lichtern eines anderen Bundeslandes.
So sitzt man da. Zwischen Berlin und dem Nirgendwo – oder zwischen Berlin und den Sternen. Je nach der Laune, in der man grade ist. Und man wartet darauf, dass der 5:30-Uhr-Güterzug vor einem vorbei rauscht, um mit dem Verklingen seiner Geräusche sich selbst auf den Rückweg in ein Bett zu machen.

Mitbewohnen – Ein Einsteigerkurs

Basierend auf wahren Begebenheiten:

Wenn Sie mir auf den diversen sozialen Plattformen folgen, oder zu den regelmäßigen Lesern dieses Blogs zählen, dürften Sie bereits gemerkt haben, dass ich seit mittlerweile zwei Jahren in einem Studentenwohnheim lebe. Diese Studentenwohnheime haben im Allgemeinen eine höchst unangenehme Eigenschaft:

Man lebt mit anderen Menschen zusammen.

Ein äußerst ungünstiger Umstand, mit dem sich viele Studierende konfrontiert sehen. In den  letzten Jahren habe ich mittlerweile sieben Mitbewohner verschlissen und stellte fest, dass das gemeinsame Leben für viele Studierende eine hochgeheime Wissenschaft zu sein scheint. Um das zu ändern habe ich nun meine Erfahrungen mit den Mitbewohnern in eine kompakte Anleitung gegossen, in der Hoffnung, dass Ihnen die Irrwege erspart bleiben, denen sich meine Nachbarn und Mitbewohner konfrontiert sahen.

Der Einzug

Herzlich Willkommen im Studentenwohnheim. Es ist höchst wahrscheinlich, dass Sie sich Küche und/oder Bad mit mindestens einem Menschen teilen müssen. Auch sonst werden sie diesem Mitbewohner vermutlich häufiger begegnen. Daher empfiehlt es sich, sich bei ihm vorzustellen. Tun Sie das am besten selbst und vermeiden Sie nach Möglichkeit, dass ihre Mutter oder Studienbetreuerin dies übernimmt. Hier können Sie auch gleich klären, wie die gemeinsame Nutzung der Räume aussieht.
Zur Begrüßung empfiehlt sich ein einfaches „Hallo, ich bin  dein neuer Mitbewohner“. Sätze wie: „Ich habe deinen Kram aus den Küchenschränken in die Kiste gepackt, sonst hätten meine Ravioli nicht reingepasst“ sind zur Begrüßung eher weniger zu empfehlen – sofern es nicht Ihr Ziel war, die Nahkampffertigkeiten Ihres Mitbewohners zu testen.

Bekleidung

Augenscheinlich sollte das ein simpler Themenkomplex sein, trotzdem zeigten sich hier in der Vergangenheit immer wieder Schwierigkeiten. Um es kurz zu machen:

ZIEHEN SIE SICH UM GOTTES WILLEN ETWAS AN!

Sie leben mit einem fremden Menschen zusammen. Es mag Sie eventuell überraschen, aber er hat absolut kein Interesse, herauszufinden, wie Sie eigentlich unter der Kleidung aussehen. Auch wenn Sie unsicher sind, ob die Unterhose Ihnen steht, klopfen Sie nicht um  drei Uhr morgens bei ihm an und fragen Sie, ob er so mit Ihnen schlafen würde, wenn er eine Frau wäre. Wirklich nicht.
Sollten Sie ihre Wäsche wechseln, wozu ich dringend rate, deponieren Sie die dreckigen Teile an einem dafür geeigneten Ort. Ein Wäschesack in Ihrem Zimmer bietet sich an. Weniger geeignet sind hier Badezimmer, Duschkabinen, der Hohlraum hinter Heizkörpern, oder Kühlschränke.

Ordnung/Sauberkeit

Putzpläne sind eine wundervolle Sache. Zumindest wenn sich alle daran halten. Der Umgang mit ihnen scheint jedoch im höchsten Maße die Kreativität zu beflügeln. Glauben Sie mir. Es fällt auf, wenn Sie nur dann kochen oder duschen, wenn Sie nicht auf diesem Putzplan stehen.

Insbesondere beim Duschen.

Trotzdem entbindet so ein Putzplan nicht von einer gewissen Rücksichtnahme. Das züchten von eigenständigen neuen Evolutionsstufen lässt sich nicht dadurch begründen, dass Sie gerade nicht mit dem Saubermachen dran sind. Ebenso können Sie die Kaugummis in den Müll und nicht auf den Teppich spucken.
Pro-Tipp: „Ich bin nicht dran mit sauber machen!“ ist grundsätzlich immer die falsche Antwort, falls ihr Mitbewohner sie fragt, warum er bei der Rückkehr aus dem Urlaub in einen verwesenden Fischkopf getreten ist.

Privatsphäre

Verfügt ihr Raum über eine Zimmertür? Wenn nicht, die Nummer des Hausmeisters für Beschwerden finden Sie meist am schwarzen Brett am Eingang. Wenn ja, herzlichen Glückwunsch. So eine Tür bringt eine faszinierende Fertigkeit mit sich:
Man kann sie schließen.

Von dieser Nutzungsmöglichkeit sollten Sie ausgiebig Gebrauch machen, insbesondere dann, wenn Sie Besuch haben, Musik hören, oder gerade dabei sind, laut singend mit leeren Vodkaflaschen zu jonglieren. Vor allem wenn Sie laut singend mit leeren Vodkaflaschen jonglieren!

Geschlechtsverkehr

Es ist erfreulich, dass Sie trotz Ihres harten Studienalltags Zeit für Zwischenmenschliches finden. Auch hier gelten aber die Regeln der Privatsphäre und der Bekleidung.
Trotzdem scheint es bei diesem Thema immer wieder zur Konfusion zu kommen. Es bietet sich an, die gemeinsame Zeit im eigenem Zimmer zu verbringen. Auf diese Weise lässt sich am besten vermeiden, dass ihr Mitbewohner Sie auf der Küchenzeile erwischt. Sollte es sich aus unbekannten Gründen einmal nicht umgehen lassen, so vermeiden Sie nach Möglichkeiten, dabei sein komplettes Geschirr auf dem Boden zu verteilen. Ebenso empfiehlt es sich für das Wohnklima, davon abzusehen, die Dusche – und damit das gesamte Bad –, für einen gemeinsamen Nachmittag mit seinem Partner zu blockieren. Insbesondere wenn es sich hierbei um das einzige Bad handelt.
Außerdem zu vermeiden sind: Wohnheimflure, die Tür Ihres Mitbewohners (der dann überraschend doch zuhause ist), oder das Zimmer ihres Mitbewohners, das dieser vergessen hat abzuschließen.

Für die Entsorgung eventuell verwendeter Kondome rate ich zum Mülleimer, weder die Küchenspüle, noch der Briefkasten des Mitbewohners stellen hier einen angemessenen Ersatz dar.

Der Auszug

Sie haben genug vom Wohnheimleben? Stören Sie die wöchentlichen Feueralarme um drei Uhr morgens? Haben Sie sich mit der örtlichen Rattenpopulation zerstritten?

Der Auszug aus einem Wohnheim ist im allgemeinen unkompliziert, sofern die Formalien mit dem Vermieter außen vor gelassen werden. Nehmen Sie einfach alles mit, was sie hergebracht haben und verlassen Sie die Räume in einem, dem Ursprungszustand ähnlichen, Zustand.
Geschenke an den verbleibenden Mitbewohner sind zwar nett, aber fragen Sie ihn einfach vorher, ob er Interesse an der Sammlung 1A Altpapier oder der russischen Ziertellersammlung hat.
Sollten Sie entgegen der Empfehlung Ihre Unterwäsche doch hinter Heizkörpern aufbewahrt haben, denken Sie daran ,diese von dort auch beim Auszug mitzunehmen.

Abschließende Hinweise

Sollten sie für die Verarbeitung ihres Wohnheimaufenthaltes psychologische Hilfe benötigen, können Sie Adressen zu Therapieangeboten und Selbsthilfegruppen in jedem Krankenhaus, oder bei Ihrer Krankenkasse erfragen.

ICE 842, Wagen 24

19:30 – Berlin Hauptbahnhof, Bahnsteig 13

T minus 28 Minuten, Durchsage Nummer drei, die uns auf die geänderte Wagenreihung des Zuges aufmerksam macht. Allgemeines Desinteresse. Ich klettere über zwei Kinderwagen, um rauszufinden wo mein Wagen voraussichtlich halten wird, und stelle mit Schrecken fest, dass ein kleiner Teil tief in mir sogar die Möglichkeit in Betracht zieht, dass dieser Plan stimmt.

19:42 – Berlin Hauptbahnhof, Bahnsteig 13

Zug fährt ein. Stehe tatsächlich an der richtigen Stelle. Erwäge für einen kurzen Moment, auf die Knie zu fallen und ob dieses Wunders religiös zu werden, verwerfe diesen Gedanken aber recht schnell, um nicht von der Masse überrannt zu werden, welche wütend schreiend zu ihren Wagen rennt und sich darüber aufregt, dass die Bahn sie nicht über die geänderte Wagenreihung informiert hat.

20:06 – Irgendwo hinter Spandau, Wagen 24

Eine bunt gekleidete Frau mit Katze auf dem Arm versucht mir zu erklären, ich säße auf ihrem Platz und sie wolle ja jetzt nicht bis Kiel auf dem Gang stehen. Nach einem kurzen Blick auf den Reiseplan bin ich nicht im falschen Zug, dafür aber anscheinend im falschen Film.

20:26 – Irgendwo hinter der dritten Kuh rechts

Gitte hat nun aufgegeben, dem gesamtem Wagen zu erklären, er würde im falschen Zug sitzen. Hätte ich einen Popcorn-Stand, wäre ich nun weit über alle BAföG-Freibeträge hinauskatapultiert worden und müsste meinem Steuerberater erklären, wie ich es als Student geschafft habe in den Spitzensteuersatz zu kommen. Gitte setzt sich jedenfalls breit grinsend auf den mittlerweile freien Platz mir gegenüber und freut sich wohl auf mein Gesicht wenn ich merke, dass ich im falschen Zug sitze.

20:54 – Wolfsburg Hauptbahnhof

Gitte schafft es, zwei einsteigende Nazis zu überzeugen, dass sie grade in den falschen Zug eingestiegen sind. Nachdem sie ausgestiegen sind, finde ich Gitte ein bisschen weniger schrecklich und lächle der an meinem Notebookkabel kauenden Katze freundlich zu.

20:56 – Immer noch Wolfsburg

Ein hektisch wirkender Zugbegleiter rennt durch den Wagon und sucht die Ursache des Brandgeruchs. Seine Miene hellt sich sichtlich auf, nachdem er die leicht qualmende Katze sieht. Gitte fragt, wie lange es wohl noch bis Kiel brauchen würde. Selbst Gittes Kleidung scheint bei der Antwort des Schaffners bleich zu werden und während der Zug losfährt, beginne ich nach akkubetriebenen Popcornmaschinen zu googlen.

21:20 – Kurz vor Hannover

Genieße die 5 Minuten Ruhe, seitdem Gitte aufgehört hat schreiend zu fordern, wir sollen den Zug sofort wenden. Gehe auf dem Weg zum Klo am panisch blickenden Zugbegleiter vorbei, der sich in einem Abteil vor der fauchenden und kratzenden Katze verschanzt hat und inzwischen mit der Bahnhofssicherheit von Hannover telefoniert.

21:35 – Hannover Hbf

Gitte und ihre Katze werden von je zwei Bahnmitarbeitern aus dem Zug getragen. Der Zugbegleiter klettert erleichtert in dem, was noch von seiner Uniform übrig ist, aus dem Abteil. Frage ihn, was es wohl kosten würde, eine Verkaufserlaubnis für Popcorn in der Bahn zu bekommen.

22:50 – Drei Milchkannen hinter Hamm

Vier Kisten Rotwein werden vom fröhlich singenden Ruderclub Fürstenbüttel hineingetragen.

22:59 – Eine Kiste Rotwein vor Dortmund

Kenne nun alle Variationen von “Ich hab ‘ne Zwiebel auf dem Kopf ich bin ein Döner”, unter meinem Tisch sitzt ein Zugbegleiter und schaukelt apathisch vor und zurück. Schiebe ihm unauffällig die Nummer der Telefonseelsorge zu.

23:30 – Essen Hauptbahnhof

Gehe an vier leeren Rotweinkisten und fünf vollen Ruderern vorbei zur Tür. Werde beim Rausgehen vom Zugbegleiter gebeten, den Brief mit seiner Kündigung am Bahnschalter abzugeben. Entschließe mich, dass es nun doch ein guter Zeitpunkt ist um religiös zu werden, und falle auf die Knie, um dann von einer Masse überrannt zu werden, die wütend schreiend zu ihren Wagen rennt und sich darüber aufregt, dass die Bahn sie nicht über die geänderte Wagenreihung informiert hat.

An einem Sonntag in Berlin

Wir sind heute in der glücklichen Situation, hier an einem scheuen Paar freilebender Senioren das komplexe Ritual des Fahrkartenerwerbes beobachten zu können. Nachdem sich das Paar vorsichtig nähert, wählt das Pärchen ein Mitglied des Automatenrudels aus. Zielsicher wählt es einen der wenigen gesunden Automaten.
Wenn Sie das Männchen nun beobachten, können Sie sehen, wie es umstehenden potenziellen Mitjägern allein durch Augenkontakt klar macht, dass es nun Anspruch auf die Beute erhebt.

Wir befinden uns nun an einem sehr kritischen Punkt. Häufig fielen gerade jüngere Exemplare der Spezies Homo Sapiens den Jägern zum Opfer, weil sie diese Signale zu spät wahrnahmen.
Beobachten Sie nun, wie das Pärchen sich langsam dem Automaten nähert. Langsam, um ihre auserkorene Beute nicht zu verschrecken. Nun stellt das Männchen den Kontakt her. Argwöhnisch berührt es das Display, sofort gefolgt von einem "Du machst das falsch" des Weibchens. Beachten Sie besonders, wie geschickt das Weibchen es schafft dabei so im Hintergrund zu bleiben, dass es sich nicht in die Gefahr begibt, die Führung übernehmen zu müssen.
Doch sehen Sie nun, meine Damen und Herren, obwohl die Situation so gut wie aussichtslos scheint, hat der Automat den Widerstand gegen seine Jäger nicht aufgegeben. Geschickt setzt er seine Menüführung ein, um das Pärchen zu verwirren. Erste Uneinigkeiten sind zwischen Männchen und Weibchen zu beobachten. An dieser Stelle ist gut zu erkennen, wie das Männchen durch den Einsatz der Menüführung zunehmend verwirrt erscheint. Dies könnte einer der seltenen Fälle sein, in denen der Automat es schafft nicht den Fahrgästen zum Opfer zu fallen.

Aber nun erleben Sie den zweiten Wendepunkt des heutigen Abends. Sie haben das seltene Glück, einen Bahnmitarbeiter unter Kunden zu erleben. Sie können sich glücklich schätzen,  dies ist ein seltener Anblick, den nur wenige Auserwählte erleben. Majästetisch schreitet er auf die Szene zu und beginnt die Führung des Angriffs zu übernehmen. Mit einigen geübten Handgriffen ist der nun hoffnungslos unterlegene und vollkommen wehrlose Automat in wenigen Minuten überwältigt. Triumphierend zieht das Männchen, dicht gefolgt vom Weibchen, mit seiner Beute in Richtung des Gleises, während der Bahnmitarbeiter sich in seinen Unterschlupf zurückzieht.